Drosophila Zellen verlieren ihre Vitalität, wenn die Regulierung der Genexpression des X-Chromosoms außer Kraft gesetzt wird. Sie können die Fitness wiedererlangen, indem sie ihre Chromosomenausstattung reversibel anpassen.
Die Erfindung der Sexualität im Zuge der Evolution war bemerkenswert erfolgreich. Die beiden Geschlechter unterscheiden sich oft in ihren Geschlechtschromosomen. So besitzen Frauen und Drosophila-Weibchen zwei X-Chromosomen, Männchen dagegen nur eines. Während die Nutzung des weiblichen Genoms ausgewogen ist, müssen die Männchen den Nachteil des einzelnen X-Chromosoms, mithilfe einer spezialisierten molekularen Maschinerie ausgleichen, dem sogenannten Dosiskompensationskomplex (DCC). Dieser Genregulator steigert die Aktivität der Gene auf dem X-Chromosom. Gelingt der Ausgleich nicht, ist dies tödlich.
Umso überraschender war es, dass kultivierte männlichen Zellen der Fruchtfliege einfach weiterwuchsen, wenn die Aktivierung des X Chromosoms zerstört wurde. Das Team entfernte das Gen roX2, dass die RNA-Komponente kodiert, die der DCC benötigt, um das X-Chromosom zu lokalisieren. Ohne dieses Gen kann der Komplex das X-Chromosom nicht mehr binden oder dessen Gene aktivieren. Seltsamerweise blieb die Genexpression insgesamt jedoch im Gleichgewicht.
Die Zellen kompensierten diesen Defekt nicht durch einen verwandten Mechanismus, sondern durch einen unerwarteten, evolutionären Selektionsprozess. Nach dem Verlust des DCC wiesen diejenigen Zellen, die durch einen Zellteilungsfehler zufällig ein zusätzliches X-Chromosom erworben hatten, eine ausgeglichene Genexpression auf. Sie teilten sich schneller als die defekten Zellen und dominierten schließlich die Population. Auf diese Weise wurde das balancierte Ablesen der X-chromosomalen Gene wiederhergestellt. Die Veränderung im Chromosomensatz erwies sich als reversibel. Als die Forscher das roX2 Gen wieder einbrachten, wurde das zusätzliche X-Chromosom zum Nachteil und die vorher bevorteilten Zellen wurden wieder verdrängt. Innerhalb weniger Wochen kehrte die Population zu ihrer ursprünglichen Chromosomenzahl zurück. Der Selektionsdruck, der eine ausgeglichene Genexpression begünstigte, konnte das zusätzliche Chromosom auch wieder entfernen.
Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig eine ausgeglichene Expression der X-Chromosomen für das Überleben der Zellen ist – so essenziell, dass sie selbst in Gewebekulturzellen mit einer fehlerbehafteten Chromosomenverteilung während der Zellteilung zur Umgestaltung des Chromosomensatzes führen kann. Durch Ein- und Ausschalten der Dosiskompensation ergibt sich ein einzigartiges experimentelles Modell, das neue Einblicke in die Chromosomenbiologie und die zelluläre Anpassung unter Selektionsdruck verspricht.